Zeitabdrucke

  

„Obwohl es die Vergangenheit, als sie Gegenwart war, nicht gegeben hat, drängt sie sich jetzt auf, als habe es sie so gegeben, wie sie sich jetzt aufdrängt. Aber so lange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.“ Martin Walser

 

Was ist Zeit? Wie kann man sie erlebbar machen?

Alles was räumlich ist, ist durch ein Nebeneinander oder durch ein Hintereinander charakterisiert. Das hängt mit unserem Wahrnehmungsvermögen zusammen. Das Zeitliche nehme ich in der gleichen Art wahr, nämlich hintereinander, also räumlich.

Das Zeiterlebnis ist ein Schnittpunkt, ein Augenblick, der zwischen Vergangenem und Zukünftigem liegt - ein Schnittpunkt, in dem das Zukünftige ständig in die Vergangenheit hineingetrieben wird.

 

Dennoch es gibt noch eine andere Zeit, die nicht in dieser linearen Abfolge zu verstehen ist, eine lebendige Zeit, die nicht messbar und nicht an der Materialität der Dingen eingekoppelt ist. "Die Zeit ist eine an die Existenz unseres “Ich” gebundene Bedingung. Sie ist die uns nährende Atmosphäre, sie stirbt, wenn die Bindung zwischen Existenz und Existenzbedingung zerreist, wenn das Individuum stirbt und damit auch die individuelle Zeit.”  So beschreibt der russischer Regisseur Andrej Tarkowskij die an unser Ich gebundene Zeit, die dem Menschen unabdingbar ist, um sich zu konstituieren und als Individualität zu verwirklichen.

 

Durch meine Beschäftigung mit meiner Vergangenheit und meinen Erinnerungen, habe ich zunächst mir das Thema „Plattenbau“ als Einstieg in die Arbeit genommen. In dieser Phase arbeitete ich erst mit dem Abbild des Hauses. Mein Anliegen war das objektiv Erscheinende zu transformieren, zu verlebendigen, es aufzulösen –dem einen anderen Blick zu geben, einen persönlichen Blick.

 

Doch die äußere Erscheinung wurde trotzdem zu etwas, was sehr präsent blieb und mich in meinem kreativen Suchen eingeengt hat. Ich suchte nach einem neuen Griff,der der äußeren Erscheinung die Dimension eines Siegels verleiht. So dass die äußere Erscheinung sich zwar im Inneren spiegelt und dennoch nur die Spiegelungdarstellt und nicht Reales.

Ich suchte nach einem freien Ausdruck von dem, was im Äußerlichen eine fertige Form hat.

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„Die Natur ist im Innern“, sagt Cezanne.

Insoweit ich in der Welt bin, bin ich nicht von der Welt trennbar. Indem der Künstler ein Teil der Welt ist, weil er einen Körper besitzt, der gleichzeitig selbst ein Teil dieser Welt ist, kann er die Welt wahrnehmen und verwandeln. Wie lebt es in ihm auf, dieses imaginäre Gewebe des Wirklichen?

Auch die Erinnerungen sind Bilder in mir. Das Vergangene und das Gegenwärtige ist gezeichnet von Gleichzeitigkeit. Die Bilder sind ständig in mir vorhanden, sie hören nie auf, bleiben aber auch nicht konstant. 

In der Suche nach einer Bewegung, nach Veränderung ist die Idee von Performance entstanden. Gleichzeitig werden Dias auf verschiedenen „Bildträger“ geworfen und auch auf mich selbst als Bildträger.

 

Noch ein wesentliches Ereignis in der Zeit, in der ich mich mit diesem Projekt beschäftigt habe war die Pflege von meiner Mutter und ihr Abschied. Das hat einen Ausdruck in der Form eines genähten Bildes bekommen. Die Stoffe, die ich für das Bild hatte sind ihre persönliche Wäsche, die ich später aus Moskau zugeschickt bekommen habe: Stücke ihrer Bettwäschen, ihrer Kleider, einen Schal und eine bestickte Serviette.

 

Für die Performance habe ich 4 gemalte Bilder als Bildträger ausgewählt. Ich selber stehe auch als Bildträger da. Auf jeden Bildträger werden gleichzeitig mit verschiedenen zeitlichen Abständen Dias geworfen.

 

In diesen vier Monaten (der zeitliche Raum), in denen ich meine Masterthesis erarbeitet habe, ist der äußere Rahmen, d.h. meine Mitmenschen, Ereignisse, Begegnungen usw. bewusst zu Stoff und Gehalt meiner Arbeit geworden. Das Außen ist ein peripherer Teil des Ganzen. Es beeinflusst und inspiriert mich ständig. Das Außen ist der Zufall, das Unerwartete, das zu mir Gesprochene, das Gelebte und Gefühlte.

 

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